Weit spannt sich der Bogen der Tradition:

"Treu dem Sport, wahr das Wort, auf Ehren stolz, als Gruß GUT - HOLZ!

Im August 1925 war es, als die Königsbrücker Kegelbrüder diese einprägsamen Worte zu ihrem Motto machten und sicher lautstark zum Abschluss der Gründungsversammlung des "Kegelverbandes Königsbrück und Umgegend" zu Gehör brachten. Den Kegelsport gab es da schon mindestens 25 Jahre in unserer Stadt. Aber vielleicht berichte ich doch lieber ein wenig der Reihe nach. . .

Wir schreiben das Jahr 1900. Ein neues Jahrhundert ist angebrochen und den Menschen im deutschen Kaiserreich geht es eigentlich nicht schlecht. Der letzte Krieg liegt beinahe 30 Jahre zurück und die Bismarcksche Innenpolitik hat reichlich Früchte getragen. das Bier kostet 14 Reichspfennige, das Brot 40 Pf, allerdings bei einem Wochenlohn von ca. 12 Reichsmark: Die Menschen hatten sich eingerichtet. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch in einer Kleinstadt wie Königsbrück das Vereinsleben entwickelt und ein Kegelverein gegründet wird. Mit einem gesunden Schuss Humor nannte man sich "Die Fettsäcke". Gekegelt wurde aus dem Stand , in Alltagskleidern und Straßenschuhen. Es ging um Bierrunden, Hausschlachtenes und dem Verdauungsschnaps dazu, um "Alle Neune", "Ratten", "Löcher" und gegenseitiges Vollnölen (im positiven Sinne!) Die Bahn war immer an eine Gaststätte gebunden. In unserer Stadt war das mit ziemlicher Sicherheit die Kegelbahn am "Heinrichsbad". Zu diesem Zeitpunkt war es nicht vorstellbar, eine Frau auf der Kegelbahn anzutreffen- geschweige denn eine Kugel schieben zu sehen! Das sollte sich ab den 20er Jahren radikal ändern.

Das Jahrhundert nahm also seinen Lauf. Da wurde die hoffnungsvolle friedliche Entwicklung jäh durch den 1. Weltkrieg unterbrochen. Natürlich kam auch das Vereinsleben zum Erliegen, hat doch in Kriegszeiten kaum jemand Sinn für solcherart Zerstreuung. Dass wir Menschen trotzdem Böses recht schnell zu vergessen suchen, zeigt eine 1919 dokumentiert Vereinsgründung. Der Club "Ausdauer" war entstanden. In den 20er Jahren ging es dann Schlag auf Schlag: "Schiebe mit Liebe", "Schiebe niedlich!", " Lust’ge Holzer", " Prachtkerle", "Ne ‘rechte Sorge", "Fidele Jungen" sind namentliche Beweise für die Vielzahl an Aktivitäten. Und nun waren auch die "besten Stücke" nicht länger zurückzuhalten: Die Frauenclubs "Rollendes Glück", "Flotte Mädels" und ein namentlich leider nicht mehr bekannter 3.Verein bereicherten und belebten die Kegelszene. damit rundet sich der Kreis der Berichterstattung zum ersten Mal, wir sind wieder im Jahr 1925 angekommen. Auf den Bahnen am "Schützenhaus" , am "Bahnhofshotel" und im "Heinrichsbad" war so viel Betrieb, dass August Lüthe ,Rudolph Wehner und Richard Merz die Initiative ergriffen und den "Kegelverband" aus der taufe hoben. Erstmals waren die Kegler damit Sachsen - und deutschlandweit organisiert. Der Verband bot seinen damals 79 Mitgliedern auch einiges: Sportversicherung, Vereinsleben und und - eine supergünstige Sterbekasse ! Diese günstige Gelegenheit, den traurigsten Anlass im Leben finanziell abzusichern, war es dann wohl auch, die die Mitgliederzahl bis 1929 auf 492 (!!!) ansteigen ließ, denn für so viele Mitglieder waren die Gelegenheiten zum Kegeln mit Sicherheit nicht vorhanden. Die Jahresbeitrage lagen zwischen 1 und 3 Reichsmark. In einem Kassenbericht aus diesen Jahren finden wir folgende Zahlen: "Einnahmen : 4523,20 RM - davon Mitgliedsbeiträge 1012 RM . . ." - und erkennen daraus, dass der Vereinssport schon immer auf die Gunst und Unterstützung der Geschäftsleute und Gewerbetreibenden angewiesen war. Die größte Aktion startete der "Verbandsvorstand" allerdings 1927. Der Ausbau der Schützenhausbahn zur 2- Bahn- Anlage (ganz selten und Spitzestandard damals!) wurde in 3 Monaten geplant und vollzogen ! In Erinnerung an 40 Jahre real existierenden Sozialismus sei an dieser Stelle angemerkt, dass so ein Bau auch damals nicht unproblematisch war. Die folgenden Zeilen, von einem Kegelbruder zur Einweihung am 14./15. Mai 1927 vorgetragen, beweisen das:

Diese Ereignisse fanden ca. 60 Jahre später auf einem anderen Niveau ihre Wiederholung , aber bleiben wir noch ein Weilchen in den vergangenen Zeiten. Mit dieser attraktiven Sportstätte wuchs auch der Anreiz, dass Sportliche stärker in den Vordergrund zu rücken. Wettkämpfe über 100 und 200 Kugeln sind in alten Keglerpässen dokumentiert. Damals wurde allerdings nur "in die Vollen" geschoben. Die Ergebnisse in dieser Spielart könnten sich aber auch durchaus heute noch sehen lassen : 569 Holz! (gegenwärtiger guter Durchschnitt: 560 Holz) Das Kegeln war also in Königsbrück zu einer festen Größe geworden, wenn es auch an Ansehen die Schützen, die Turner oder die Sänger nie erreicht hat. Auch das ist ein ganz gegenwärtiges Problem . . .

Und wieder greifen schlimme Zeiten ins Vereinsleben ein. Der 2. Weltkrieg mit seinen ungleich größeren Zerstörungen als im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts lässt erneut alle geselligen Aktivitäten ersterben. Die Königsbrücker haben Glück im allgemeinen großen Unglück, die Stadt bleibt von größeren Zerstörungen verschont. So bleiben auch die Kegelsportstätten vorerst erhalten. Vieles rundum liegt in Trümmern. Trotzdem beginnen, wie schon nach dem 1. WELTKRIEG; ZÖGERLICH ZWAR UND ARGWÖHNISCH BEOBACHTET VON DER Besatzungsmacht, auch wieder sportliche Aktivitäten. Die Königsbrücker Kegler hatten ja WIE GESAGT Glück gehabt mit ihren Sportstätten. Die "Sportgemeinschaft Königsbrück" mit Heinz Hoffmann an der Spitze führt in den ersten Jahren ehemalige Traditionen so gut es geht eben weiter. Die Situation ist äußerst schwierig. Bereits da beginnt die "Ideologisierung" auch von Sport und Freizeit. Mit der alten " bürgerlichen Vereinsmeierei" soll Schluss sein. Sie wird ebenso in die faschistische Ecke gedrängt wie viele andere historisch gewachsenen Dinge, wie wir später hören werden. Ende der 40er Jahre kommt die erste "Betriebssportgemeinschaft", nämlich "Motor" dazu. Diese "BSG" en werden von Betrieben finanziell und auch durch Freistellungen für Wettkämpfe, Fahrzeugen u.ä. unterstützt Folgerichtig gründet sich in unserer Stadt 1952 die "SV Lokomotive Königsbrück", um auch die bei der Deutschen Reichsbahn zur Verfügung stehenden "Rücklaufgelder" für sportliche Aktivitäten nutzen zu können. Diese beiden Sportgemeinschaften werden nun in den nächsten 40 Jahren die gesamte "Last" des Wettkampfsports in unserer Stadt tragen. Die "SG Königsbrück" verliert (ohne Trägerbetrieb im Rücken!) an Bedeutung und Einfluss, da ihr nur sehr begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Trotzdem besteht auch sie bis zum Ende der DDR fort, als Heimstätte der Geselligkeitskegler und Turner zum Beispiel.

Der Kegelsport entwickelt sich in den 50er Jahren rasant. Das "Abräumen" wird fester Bestandteil bei den Wettkämpfen. Es gibt mittlerweile eine typische Wettkampfkleidung: weiße Schuhe (meist Stoff), weiße Socken, weiße (anfangs noch lange!) Hosen und ein weißes Sporthemd. Später kommen farbige Hemden in Mode, die Sitten werden lockerer, aber an weißen Socken wird nach wie vor (auch heute !) festgehalten. Die DDR stellt in diesen Jahren mit Eberhard Luther sogar einen Weltmeister im Asphaltkegeln. Eines wird klar: Die Kegelbahnen in der Stadt reichen für das gewachsene Niveau nicht mehr aus. Jede Zeit hat ihre "Antreiber" und "Organisatoren" , so auch jetzt. Auf Initiative der "SV Lokomotive" taten sich die Kegelbrüder zusammen und bauten 1963 die 2-Bahn - Anlage unterhalb der Bahnhofsgaststätte. Viele tausend Stunden brachten die Kegelsportler selbst ein, um ihrem Sport eine neue attraktive Heimstatt in Königsbrück zu schaffen. Warum war das eigentlich nötig, was war aus dem ehemaligen "Vorzeigeobjekt" am Schützenhaus geworden ? Natürlich hat es auch nach 1945 noch intensiv dem Kegelsport gedient. Da der Wirt des "Schützenhauses Hans Dommel aber nicht bedingungslos Sympathien für die neuen "Mächtigen" und ihre Vorstellungen vom Leben hegte, waren Konflikte nur logisch. Die Interessen der Kegler spielten im ideologischen Krieg gegen den Wirt eine untergeordnete Rolle. So wurde verfügt, dass die VEAB ihr Vieh in den Räumen annehmen und bis zum Abtransport oft auch im Aufenthaltsraum und sogar auf der Bahn einsperren konnte. Der Verfall war somit vorprogrammiert und bewusst herbeigeführt . . .Über Jahrzehnte vollzog er sich auch folgerichtig. In der 2. Hälfte der 80er Jahre wurde der gesamte Gebäudekomplex mit Gasthaus, Kegelbahnen, großem und kleinem Saal vollständig abgebrochen. "Unser sozialistischer Aufbau - ein kurzer Abriss", wie ein Leipziger Kabarettist schon 1982 treffend formulierte. . .

Doch lassen Sie uns nochmals  zurückkehren in die 50er und 60er Jahre. Auch auf Grund der politischen Veränderungen gerieten die traditionellen Clubs und Vereine immer mehr in den Hintergrund. Sie existierten zwar weiter als Gemütlichkeits- und Geselligkeitsklubs, mit dem sich schnell entwickelnden Kegelsport hatten sie aber nichts mehr gemeinsam. Die offizielle Meinung stand ja auch- wie schon ausgeführt - gegen die Vereinstradition der Vergangenheit. So war es den damals "Jungen " unmöglich, ernsthaft an diese Traditionen anzuknüpfen. Die Trennung war deshalb eigentlich unbemerkt von allen Beteiligten geschehen und mit der Einweihung der Bahnen am Bahnhof wurde sie dann auch räumlich vollzogen. Die jetzt folgende Zweigleisigkeit des Kegelns in unserer Stadt hat erst die Schließung des "Heinrichsbades" 1994 beendet, und zwar sehr zum Leidwesen der dort bis zum Schluss aktiven Geselligkeitsklubs.

Über 25 Jahre war nun der "Bahnhof" Dreh - und Angelpunkt der Königsbrücker Kegelsportaktivitäten. Gab es anfangs eine gesunde und leistungsfördernde Rivalität zwischen "Lok" und "Motor", bekamen die Loksportler Ende der 60er Jahre Nachwuchsprobleme und sogar die Auflösung drohte. Dazu kam es dann glücklicherweise nicht. Wichtige Namen aus dieser Zeit waren der bis heute unvergessene Günther Golbs (Die Golbs - 7) und die Kegelbrüder Erich Johne, Walther Handschuh, Hanns Schulz, Helmut Hauffe, Wolfgang Köther, Gottfried Preller, Heinz Doltze, Günther Plesse, Walter Handschuh, Detlef Henkelmann, Christian Guhr, Ralf - Uwe Böhme , Detlef Stadler, Wolfgang Preuß. Mitte der 70er Jahre wurde dann sogar über die Aufstellung einer 2. Mannschaft nachgedacht. Obwohl nun auch Steffen Golbs und Lutz Böhme die Truppe verstärkten, kam es auf Grund von Arbeitswechseln, Armee und Umzug nicht dazu. Die Kegler von Motor erhielten kontinuierlich Verstärkung aus den Reihen der Fußballer. Walter Jonek, Walter Zschieschang, Werner Künstler, Werner Zickler und Wolfgang Kühne seien hier stellvertretend genannt. Sie wurden neben Günther Böhme, Werner Kretschmar, Herbert Kirschner, Gerhardt Köckritz und den schon älteren Semestern Kurt Wittig und Otto Mirsch über viele Jahre zu Leistungsträgern und verhalfen dem Königsbrücker Kegelsport zu einem sehr guten Namen im Kreisgebiet und seit Anfang der 70er Jahre auch darüber hinaus. Mittlerweile gab es nicht zuletzt Dank der Initiative von Walter Jonek auch wieder eine Frauenmannschaft, die über viele Jahrzehnte sehr guten Kegelsport auf Bezirksebene zeigt. Erinnert sei an dieser Stelle an das 25 jährige Bestehen dieser Mannschaft, das wir im August 1994 in würdiger Form gefeiert haben.

Die Königsbrücker Bahnen waren beliebt bei den Kegelbrüdern, fielen doch hier immer riesige Ergebnisse! Wer keine "500" auf 100 Wurf oder "1000" auf 200 Wurf erreichte, war eigentlich selbst Schuld. (Trainingsrekord :Werner Zickler = 609 Holz!) Die armen geplagten Aufsetzer, kann man da nur sagen, denn an eine Aufstellautomatik war noch lange nicht zu denken. Einige Generationen haben sich ihre 2,50 Mark für 100 Kugeln und die obligatorische Cola und Bockwurst schwer verdient. Die meisten der heute im besten Kegelalter Stehenden sind über diesen beschwerlichen Weg zum Kegelsport gekommen. Die Wettkämpfe auf Bezirksebene wurden über 200 Wurf ausgetragen. 2 volle Tage dauerte so jedes Turnier und damit wurde ziemlich schnell die Notwendigkeit der Veränderung an der Sportanlage klar. Über 15 Jahre(!) dauerte es dann von ersten Ideen bis zur Realisierung. Zwei Varianten standen zur Auswahl ; die Erweiterung der vorhandenen 2 Bahnen auf insgesamt 4 oder ein totaler "Neubau". Sie erinnern sich: Es waren die 70er Jahre und wir lebten im tiefsten Sozialismus! So waren eigentlich beide Varianten unlösbare Aufgaben. Trotzdem bemühten sich Kegelbrüder ausdauernd um dieses Problem. War es in der Phase der ideellen Vorbereitung vor allem Walter Zschieschang, der sich auch durch das Absenden der entsprechenden Unterlagen an den Anglerverband der DDR durch den damaligen Rat der Stadt nicht entmutigen ließ, halfen uns dann Wolfgang Thomschke durch geschicktes Projektieren einer "Arbeiterwohnunterkunft" und Werner Zickler mit seinen praktischen Fähigkeiten in der direkten Umbauphase unheimlich weiter. Überhaupt war dieser Umbau von 1986 bis 1989 noch einmal prägend für den Königsbrücker Kegelsport. Über 7500 Stunden wurden von den Keglern geleistet, wobei ungefähr ein Dutzend Sportfreunde den "harten Kern" bildete. Auch hier seien stellvertretend genannt: Bernd Just , Peter Leuthold, Günter Claus, Adalbert Pantak, Matthias Bock, Wolfgang Kühne, Helmut und Rainer Hauffe, Hans-Jochen Schwarz, Olaf Herzog, Werner Künstler, Heiner Großmann . . . Auch muss fairer weise gesagt werden, dass der damalige Bürgermeister Glitzner genau wusste, wohin was zu schicken war und solche Pannen wie oben beschrieben nicht mehr zuließ. Im Gegenteil, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten wurden wir optimal unterstützt und bekamen sogar Rückendeckung gegen Amts angemaßte Attacken aus dem eigenen Hause: Ein Sekretär hatte eigenmächtig in Abwesenheit des Chefs einen Baustop (unter Androhung polizeilicher Maßnahmen!) verhängt . Trotz aller "real existierenden Sozialismus -Probleme" ist es uns gelungen, Anfang November 1989 die neue 4 - Bahn - Automatikkegelanlage am Sportplatz in Betrieb zu nehmen. Es war ein Freudenfest für alle, zumal sich ja zu diesem Zeitpunkt auch die politische Großwetterlage positiv veränderte. Heute können wir allerdings vom Glück sagen, dass wir noch "rechtzeitig" fertig wurden. Wir hätten nämlich heute keine Probleme mehr mit der Materialbeschaffung, aber Finanzen von der Stadtverwaltung wären für diese freiwillige Aufgabe nicht zu erwarten !