Aber zehn Tage vorher, am Himmelfahrtstage, da hat es geklappt. Ganz still lag das Städtchen noch im Schlaf, als Ihr mit blanken Augen durch die taufrische Aue schrittet, dem Keulenberge entgegen. Wie strahlend doch der Morgen! Lerchen schrauben sich trillernd in den klaren Himmel und die Finken schlagen wie besessen. Aber Ihr habt nicht volle Obacht auf all die Schönheit. In der Tasche klimpern fünf Groschenstücke, über deren zweckmä&szligige Anlage Ihr euch immer wieder Gedanken macht: Fischsemmel, Würstchen, Pfefferkuchen, grüne oder rote Limonade? Ja, ja Besitz macht Sorgen. Schon siehst du die Fahne am Turme flattern, von allen Seiten strömen frohgesinnte Menschen die Bergpfade hinan, und bald bist Du mitten drin im Gewimmel. Keulenberg am Himmelfahrtstage, so was muß man erlebt, so etwas muß man gesehen haben! Dieser Freund Eurer Knabenjahre will Euch heute einiges aus seiner Geschichte verraten, damit Ihr ihn mit etwas mehr Respekt anseht, wenn Ihr allein oder mit Euren Kindern Euch seinem Gipfel naht.
Zum ersten Male wird er in der wichtigen Grenzurkunde vom Jahre 1241 erwähnt und trägt noch den Namen "mons Radbizc". Aber schon 1346 wird er in Lehnbriefen "Kulenberg" benannt. 1647 erscheint ein Büchlein von Joh. Lohden, Pfarrer zu Langenhennersdorf, in dem unser Keulenberg wie folgt beurteilt wird. Der Keulenberg von großer, Höhe und fürzeiten wegen sonderbarer Gespenster beschrien, die man Vitunculos montanos benennet, welche in Höhlen und verborgenen Örtern daselbst gewohnet, vielen Leuten, welche vorbeigereiset, Gutes getan, doch niemanden zugelassen, ihre Wohnungen auszuforschen, noch in die Berge graben dürfen. Die Berge waren zu jener Zelt den Menschen nicht Freunde wie uns. Sie fühlten den Berg als etwas Drohendes, Unheimliches. Das geht aus der Schrift des Pulsnitzer ,Pfarrers Mag. Christian Ehrenhaus vom Jahre 1662 hervor. Dort erhält der Keulenberg folgende Zensur Der Keulenberg mit seinen beiden Spitzen sei dem Berge Sinai und Horeb ähnlich.
Die Zeit schreitet vorwärts. Es gibt Menschen, die Freude daran haben, von der Höhe hinabzuschauen. Vielleicht hat auch die Frau Friderike Sophie v. Holzendorf auf Bärenstein und Oberlichtenau die Luft hier oben sauberer gefunden als bei Hoffesten in der Niederung. Sie ließ 1735 das Häuschen auf dem Keulenberge erbauen (jetzt Ruine), sechseckig, von Granit und Ziegeln, zwei Stockwerke mit einem Söller nach Osten und einem festen Schindeldach. Diese erste Baulichkeit machte den Berg als Ziel beliebter.
Alljährlich fand sich die Bevölkerung der umliegenden Orte zu einem mehrtägigen Volksfest hier oben ein. An Mariä Heimsuchung j. J. knallten die Büchsen um einen Becher im Werte von 15 Talern, den die Besitzer von Niederlichtenau dem besten Schützen schenkten. Der letzte Becher wurde 1810 gestiftet. Nun verlor das Preisschießen seinen Reiz. Die Volksfeste zu Mariä Heimsuchung kamen in Verfall.
Von hohem Besuch auf dem Keulenberge berichtet die Ortschronik von Oberlichtenau. Im Berghäuschen hielt am 3. Juli 1760 Fridericus Rex kleinen Kriegsrat. Drüben am "Fuder Heu" bei Lichtenberg hatte sich der Österreicher Lascy verschanzt. Friedrich setzte ihm elf Abteilung über Lomnitz in die Flanke und wollte ihn zur rechten Zeit frontal angreifen und ausheben. Der Hofeknecht Gottfried Müller aus Reichenau, der den König und seine Begleiter hinaufgeführt hatte, wollte aus dem Kriegsrat heimlich zurücktreten; denn mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen. Aber der König fuhr ihn an: Bleib Er, er wird doch keinen Krieg gegen mich führen! So nahm der Hofeknecht am Kriegsrat teil. Ihn interessierte allerdings weniger der strategische Plan, wohl aber die Beobachtung, daß der König stark schnupfte. Den Tabak hatte er lose in der rechten Hosentasche. Der Österreicher bekam überdies Wind und rückte rechtzeitig in Richtung Radeberg ab. Friedrich übernachtete am 3. Juli im Schloß Pulsnitz und marschierte dann nach Schlesien, wo seine Gegner ihm schwere Sorgen machten. Das neue Jahrhundert zieht herauf. Europa klirrt in Waffen.
Aber in der stillen, sparsamen Zeit, die den Befreiungskriegen folgt, liegt der glanzvollste Tag in der Geschichte unseres Berges: Das Jubelfest auf dem Augustusberge am 18. September 1818 (Einweihung der Pyramide auf dem Felsvorsprung). Man wollte damit dem greisen König Friedrich August dem Gerechten die Verehrung bezeugen. Das Volk fühlte wohl alle Tragik mit, der dieser Herrscher in 50 langen Regierungsjahren unterworfen war. Ein Kreis angesehener Männer traf alle Vorbereitungen für das Fest. Am 16. September wurde das letzte Stück, die 60 Zentner schwere Spitze der Säule durch 18 Ochsen über Höckendorf und Großnaundorf in zehnstündiger Fahrt zum Berge gebracht und mit viel Mühe und unter großer Angst der Zuschauer auf dem mittleren Felsen aufgebauet. Inzwischen war auf dem Gipfel ein 160 Fuß langer und 100 Fuß breiter Festplatz von Holz, Gestrüpp und Steinen freigemacht, und mit königlichen Jagdnetzen umzäunt worden. Ein Speisesaal aus Stammholz für geladene Gäste, Leinwandzelte und Lagerhütten von grünem Reisig für die Bevölkerung waren errichtet. Am 18. September brach nach einer Regennacht die Sonne durch und strahlte auf eine prächtige Herbstlandschaft. Von Radeberg kam ein Geschützzug der Reitenden Abteilung mit voller Bedienung und 96 Pferden unter Trompetengeschmetter und Hörnerschall heran. Die Schützengilden der Städte Pulsnitz, Königsbrück, Radeberg und Radeburg nahten mit fliegenden Fahnen und wurden von einer Feldschenkin mit einem Trunk bewillkommnet. Um 11 Uhr kündete siebenmaliger Kanonendonner den Beginn des Festes. Vom Berghäuschen herab kam der Festzug: 50 junge Mädchen, der Festredner Hofrat Böttiger aus Dresden, Ehrengäste, unter denen der vornehmste der Konferenzminister und Wirkl. Geh.-Rat v. Nostiz und Jänkendorf Festausschuß, 50 Greise aus den umliegenden Dörfern. Am östlichen Felsen (wo jetzt das Bismarckdenkmal steht) stand auf einem Opfertische die überlebensgroße Büste des Königs. Schwungvolle Festrede! Die Jungfrauen streuen ihre Blumen zu einem Kranz um die Büste. Posaunen, Trompeten und Pauken schmettern: Heil dir im Jubelkranz Vater des Vaterlands! 101 Kanonenschüsse künden laut in die Landschaft den Höhepunkt des Festes. Gegen 1000 Gäste eilen in Speisesaal und Zelte zu fröhlichem Mahl. Ein Speisewirt aus Dresden und die Wirtin des Augustusbades bei Radeberg leiten die Verpflegung. Nach Beendigung des Mahles in der 4. Nachmittagsstunde treten die 50 Greise zu würdigem Kranz um die Königsbüste. Der Schullehrer Traugott Hapatzki spricht zu ihnen "mit Anstand und Gefühl", worauf die Greise mit zum Himmel gewendetem Blick "Nun danket alle Gott" erklingen lassen. Ergriffen schaut die Menge dies ehrwürdige Bild. Was nun folgt, ist eitel Lust und Freude. Der Herr Premierminister schwenkt als erster die Festjungfrauen im fröhlichen Tanz. Speisesaal und Berghäuschen sind erfüllt von lustigen Tanzweisen. Der ganze Rücken des Berges, seine Abhänge und Steinblöcke sind von fröhlichen Menschen besetzt. Als es dunkelt, beginnt nach fünfmaligem Kanonendonner ein großes Feuerwerk. Ringsum von den Bergen grüßen Feuer herüber. Bis zum Morgen lodern die Flammen Es ist ein schönes Fest gewest. Es scheint als habe der Keulenberg von dieser Festfreude lange, zehren müssen. Der Name "Augustusberg", den er von diesem Tage an tragen sollte, hat sich nicht eingebürgert. Das Volkstum erwies sich stärker als die untertänige Verbeugung vor dem gekrönten Haupte. In einer Dezembernacht des Jahres 1835 riß der Sturm das Schindeldach des Berghäuschens herab. Es wurde langsam zur Ruine. 1865 erbaute Ferdinand Bürger aus Oberlichtenau ein einstöckiges Berghaus, daneben einen einfachen Tanzsaal. Bei Alwin Bürger, dem Sohne des ersten Bergwirtes, habt Ihr In Eurer Jugendzeit Eure Groschen in Labsal umgesetzt. Und doch, der Freund Eurer Kindheit bleibt unvergessen. Schön ist er, wenn im frühen Lenz die lichten Birken den düsteren Kiefernwald freundlich tupfen, wenn im Spätsommer die rosenrote Heide, seine Hänge hinabkriecht, bezaubernd ist das Bild, wenn im Winter der Gipfel im Raureif glitzert. Arthur Kießling

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