Da sehen, wir im Süden von der Aue aus, das Städtchen liegen. Fast mittelalterlich wirkt das Bild, wenn man die neugebauten Häuser ausschaltet. Munter plätschert die Pulsnitz unter dem schmalen Brückenstege. Von den alten Weidenstümpfen hat der brave Korbmacher und alte Turner Karl Wendler mit seinen Söhnen die schlanken Ruten geschnitten. Bald werden neue Triebe das Ufer überschatten und Deckung geben. Hast Du etwa auch mal im Sommer in den Uferlöchern nach einer zappelnden Forelle gegriffen?

Gehst Du aber im Winter auf dem schmalen Stege links der Brücke der Stadt zu, dann tönt Dir froher Kinderlärm entgegen. Koitschens Berg! Lichte Höhe! Der bescheidene Wintersportplatz aller ehemaligen Königsbrücker Kinder. Ob Käsehitsche, zweisitziger Rodel oder Schneeschuh - mit jedem Sportgerät holt man sich rote Backen. "Bahn frei!" schallt es aus allen Lungen. Der eine schreit den Ruf voller Kraftbewusstsein, der andere mehr, um die aufsteigende Ängstlichkeit zu überwinden. Man schreit eben in der Welt aus ganz verschiedenen Gründen. Aber schön war es doch, wenn man abends mit brennenden Wangen und unvorschriftsmäßig nassen Füßen hungrig, bei Muttern ankam. Anfänger, die sich noch nicht sicher fühlten, machten ihren ,,Bauchklitscher" an gefahrloserer Stelle . Schade, dass dort die großen Menschen nach strenger Polizeivorschrift Sand streuten und den Sport verhinderten, bis höhere Mächte durch neuen Schneefall sich auf die Seite der kleinen Sportler stellten. Als kleiner Erdenbürger hat, man eben oft seinen Ärger mit den großen Leuten, z B. auch beim beliebten ,,Eckengucksch".

Rathausgässchen und Hintergasse sind ja dafür seit alters zwei ideale Plätzchen, dazu der Topfmarkt. Wer alles mag in dem kleinen Häuschen mit den merkwürdigen schiefen Giebel schon glücklich gewesen sein? Bescheiden     sieht es aus. Aber heute arbeitet sein Bewohner der über 8O Jahre alte Vater Lorenz, an einer sehr wichtigen Aufgabe: Schließung der Fettlücke!

Wir haben bisher nur in versteckte und bescheidene Winkel unserer Stadt geguckt. Da könnte jemand auf den strafbaren Gedanken kommen, sie sei überhaupt nur graues Aschenputtel, das man am besten versteckt. Doch so ist die Sache nicht. Durch Königsbrück führte einst die "Hohe Straße", auf der die Wagenzüge von Ost nach West rollten. Die voll beladenen Kaufmannswagen füllten zum Abende oft den halben Markt, und der ,,Schwan" (jetzt Amtsgericht), ,,Goldener Hirsch" u. ,,Schwarzer Adler" herbergten viele Gäste und Fuhrleute. Auf der breiten Straße zog in Kriegszeiten mancherlei Volk: Hussiten, Schweden, Russen und Franzosen. Die Reisekutschen August des Starken rollten hier über das holperige Pflaster. Er selbst übernachtete mit seinem Gefolge oft bei der gestrengen Schellendorffin auf dem Schlosse, ehe er die Reise nach Warschau fortsetzte.

Hast Du selbst manchmal vor dem Fenster an der Ecke gestanden und mit langem Halse in das geheimnisvolle Halbdunkel geschaut, wo Meister Jank mit starkem Arm die Funken vom Amboss sprühen ließ? Im Hintergrunde erblicken wir den klobigen Denkstein mit den Namen Gitschin und Königgrätz.

Auch andere Wandlungen hat die Zeit gebracht. Da rollt das Staatsauto mit scharfem Tempo in Richtung Dresden. Vor hundert Jahren polterte die gelbe Postkutsche hier vorüber, hoch auf dem Bock thronte der Postillon. Der Letzte in der Reihe dieser würdigen Wagenlenker war in unserer Stadt der alte Tausch. Sein Enkel, der Bildhauer Kurt Tausch schafft jetzt während der Sommermonate im Grundstück seines Vaters in der Aue. Sein Name ist bekannt und geachtet in den Kunststätten Dresdens, Berlins und Münchens. Als 13-jähriger Schulbube schenkte er mir einst drei ruhende Löwen. Das Material dazu hatte er mit seinem Freund Fritz Frommhold aus dessen väterlicher Töpferei gekrampft. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Eine Probe seiner Kunst seht Ihr im Bilde. (Arthur Kießling)

Schloßturm